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Medium bedeutet Mitte
Institut für Deutsche Philologie, Uni-München, July 23rd,1996
Meine Vorlesungs-Text liegt, wie Email, zwischen gedruckten
und gesprochenen Wörtern. Erstens, weil es gedruckt aber
gesprochen ist. Zweitens, ist es enger mit gesprochenen
Wörtern verbunden, weil Ich diese Sätze in Deutsch geschrieben
habe ohne wirklich Deutsch schreiben zu können. Wir erleben
einen revolutionären socialen Paradigma-Wechsel, vielliecht
die grosstes überhaupt der Geschichte. Nicholas Negroponte,
der MIT Medienlabor-Leiter, nennt es "von Atomen zum Bits",
das heisst, von physikalischen, farbigen, statischen Atomen
zum 100-Prozentizen wandelbaren, farblosen, masslosen Bits
als Medium, als Mitte.
Dieser Paradigma-Wechsel hat Konsequenzen auf unsere Identitäten.
Unser Bewustsein, das aus unserer Sprache entstanden ist, aus
einer Beziehung zwischen Wörtern, kehrt noch vor Gutenbergs
Galaxie zuruck zum Volkerwanderungszeit des scholastischen
Mittelaltertums, oder ganz zuruck zur analphabetischen,
Nomadenzeit des Urwalds. Dort starteten wir unser modernes
Nomadenprojekt Arctic Circle, eine Reise, die in einer Digitalen
Loop (Kreis) endet, oder, immer weitergeht.
Ich habe eine Vorlesung über neuen Medien an der HdK in Berlin
gehalten. Heute, habe ich immer noch nur eine kleine Hoffnung
dass meine Begriffe zu Ihrem Weltbild passen können. Ich klinge
immer wie ein Cyber-Evangelist, wenn ich mich höre, mit aus-
geliehenen Deutschen Ohren . Webstock, Gendernaut, Cyberpunk,
hypertext, quicktime. Das ist nur das Neue. Medium ist etwas
anders.
Medium bedeutet Mitte. Die Mitte halbiert eine Form, ein System.
Fest und undurchlässig kann dieses Trennungs-Gebiet sein, aber
eine digitalen Mitte ist mehr wie ein Membran, osmotisch, durch-
lässig, wie eine Brücke die zwei Hälften zusammen bringt.
Die neueste Medien - das Internet, die Infobahn, das World Wide
Wait - ist als Form zu sehen. "Denken gleich Form" sagt Joseph
Beuys und "Das Medium ist die Botschaft" sagt McLuhan.
Die beiden Kult-Figuren sagen uns fast das Gleiche. Wenn wir in
Formen denken, und unsere Gedanken die Form bekommen, bekommen wir
den Inhalt des Mediums. Wir sind die Form und der Inhalt unseres
Internets zugleich. Wir formen und informieren das Internet.
Ein Netz als Form hat kein Zentrum, alle Knotenpunkten stehen
irgendwie im Mittelpunkt des Netz. Als Metaphor, kucken wir
einen eigenartigen Text Nonorganic Life, in welche Manuel DeLanda
schreibt, dass das biologischen Leben aus der Wirkung, aus den selbst-
organisatorischen Verhaltnissen seines Milieus, Wasser und Ur-Suppe,
entstanden ist. Organisches Leben, einzelner Zellen mit einem Nukleus
als Zentrum sind später komplementiert bei Multizellulärem Leben.
Das Zentrum in Organismen ist vor Milliarden von Jahren über eine
Netzwerk verteilt worden. So passiert es auch mit 'telemaking' und
digitalen Medien.
Dieses evolutionäre Beispiel ist eine guten Metaphor für dem
Macro-Evolution im Cybernetiks, wo ein Computer ist nicht mehr ein
Prozessor, Bildshirm, Tastatur und Maus, sondern ein globales Netz von
Computern, die ihre Benutzer verbinden.
Das Internet hat kein Zentrum, und ohne, erscheint die Identität des
Netz-Benutzers diffus. Das Netz ist diffus gewachsen, von einem weichen
fuzzy zentralen Gebiet aus, expandiert die Mitte über dessen
Ränder hinaus. Es wird gesagt das Kultur die Micro-Evolution gestoppt hat.
Es gibt nur noch Macro-Evolution. Das heisst, dass ein Menschen-Netz und
nicht Menschen evolvieren werden. Unsere Zukunft hangt davon ab.
Medien erweiteren Sinne und Korper über eine Mitte, eine Kontakt-
Haut, die betäubt wird vom Informations-Overload. Das Auto hat die Beine
gebrochen. Das Kamera erblindet. Und das elektronische Netz gefährdet
unsere Zentralen-Nerfen-Systeme. Vielleicht ist die ultimätive Betaubung
immanent.
Wie alle Medien einen Sinn oder Korper-Teil erweitern wollen, erweitert
das Internet, als Sprache-Medium, unser Bewustsein. Das Bewustsein,
geboren aus unseren Sprach-fähigkeiten, bewirkt, dass der Kopf, Gedanken
haben, zuordnen und ausdrucken kann. Sprache hat den Kopf vom Korper
getrennt.
Mit dieser Entwicklung nimmt die Relevanz der Postmodern-Theoretiker
wie Jacques Lacan, Frederick Jameson, u.s.w.,zu. Das Internet als eine
Gargantuane Wort-Mühle hat eine enorme Wirkung auf unser kollektives
Bewusstsein. Das Mittelalter, die Dunkelzeit, kehrt zu uns zuruck. Sehen
Sie! Pest, grosse Grenzen-Ablösungen, Volkerwanderung und Land-Minen, und
eine grosse Zukunfts-Angst. Mittel- oder Multimedia-altertum?
Volker fangen an, in der neue Medien-Landschaft zu wandern, auf ihre
eigene Gefahr, betreten ein neues Land, geschaffen aus ihren eigenen
Wörtern. Aber wir sind noch nicht so weit. Unser Zeitalter sieht aus wie
Huxleys Welt, der hat auch McLuhan inspiriert, zum Beispiel, Huxleys Dorf
aus Those Barren Leaves: "Cheap printing, wireless telephones,
trains, motor cars, gramaphones and all the rest are making it possible
to consolidate tribes, not of a few thousand, but of millions."
Nur dann ist eine vernetzte digitale Welt, ein 'Telepolis',als Globales
Dorf zu verstehen, und das klassisches Ego bezahlt dafür mit einem
heftigen Preis, wie Nathaniel Hawthornes im House of the Seven Gables
vorgesehen hat: "that by means of electricity, the world of matter
has become a great nerve, vibrating thousands of miles in a breathless
point of time. Rather, the round globe is a vast head, a brain, instinct
with intelligence!"
Warum ist es schwierig im manchen industriellen Länder wie Deutschland
zu akzeptieren, dass das Selbst als eine Einheit, als eine permanente
'Ich' Struktur im Gehirn, nicht mehr aktuell ist? Vielleicht werden in
Deutschland die neuen medialen Strukturen nicht konsequent errichtet,
bevor die industri- elle Infrastruktur total Kaputt geht. In America,
sagen sie: "If it's not broken, don't fix it?"
Weil sich unsere Welt, vom mechanistischen ins mediale Zeitalter, mit
oder ohne Deutschland wandelt, sind solche festen, einheitlichen
'Ich'-Bilder nicht mehr optimal. Das zentrale 'Ich' war ein Konstrukt,
wie die Zentral-Perspektive, die die Neuzeit, die Aufklarung und das
Industrielle Zeitalter ermöglichte.
Das 'Ich' im Internet-Zeitalter existiert wie eine Sammlung von Selbsts,
eine Gesellschaft in mir, eine Art Identitaet-Netz. Aber ist diese
Multiplizität in der Identität, Schizophrenia, Polyphrenia, oder
konsequent? Mechanistische Menschen leben mit einem hoch-visuellen
Paradigma der 'Dingheit', statt 'Istheit', materiell statt medial. Sie
sind immer noch fachbezogen, spezializiert, literarisch, und einheitlich,
wie das klassische 'Ich'. Ihre Ego ist noch als permanente Struktur ins
Gehirn eingebaut. Mech- anistische Menschen sind nicht dezentraliziert,
fragmentiert, sondern ent- fremdet durch ihrer eigene Entscheidung als
privates Individuum zu leben.
Als Mitte, als Medium, als Botschaft ist das Internet eine gigantischen
Beziehungs-Machine. Jeder Benutzer, jeder Darsteller, jeder Reisender
im Netz steht in der Mitte des Netzes. Ihre Identitäten wandeln sich
freiwillig, eine Art coordinierte Polyphrenie entsteht. Sherry Turkle,
die MIT Professorin fuer Sociologie der Wissenschaft screibt: "
The Internet has become a significant social laboratory for exper-
imenting with the constructions and reconstructions of self that
characterize postmodern life. ...Every era constructs its own metaphors
for psychological well-being. Not so long ago, stability was socially
valued and culturally reinforced, rigid gender roles, repetitive labor,
the expectation of being in one kind of job or remaining in one town
over a lifetime, all of these made consistency central to definitions
of health. But these stable social worlds have broken down. In our time,
health is described in terms of fluidity rather than stability...
Multiplicity is not viable if it means shifting among personalities that
cannot communicate. Multiplicity is not acceptable if it means being
confused to the point of immobility. ...The goal of healthy personality
development is not to become a One, not to become a unitary core, it's
to have a flexible ability to negotiate the many - cycle through multiple
identities."
Grade wo es aussieht als wenn Postmodernität vorbei wäre, nimmt sie an
neuer Relevanz zu. Turkles Mentor in Paris, Jacques Lacan, hat Sie gelehrt,
dass das 'Ich' illusorisch sei, dass das Selbst aus Sprache konstruiert
ist, und das 'Ich' ein Diskurs zwischen einer Sammlung von fragmentierten
Selbst-Bildnissen ist.
Das wechselnde Paradigma für Transport, der überhaupt erst
die Medien und die Mitte ermöglicht hat, spielt eine entscheidene Rolle.
Ist Virtuel- Realität als Transport-System akzeptabel? Sind dann
Halluzinationen als Wahrnehmungs-Form akzeptabel? Ist es ein Wunder,
dass Halluzinationen und Netz- werken eine Drogen-suchtige Terminologie
zugeteilt wurde? Leary und Gibson, LSD und TCP. Benutzer sind 'Users'.
Ist eine 100-Prozentige tragbare, digitale Version unserer Welt möglich,
gewünscht, ökologisch? Ist Fernsehen mehr haptisch als optisch?
Lauft die virtuelle Welt vor unseren Augen vorbei wie eine Panorama, oder
ein Carousell, wird sie, mit den Ohren gehört und den Data- Gloves
berührt und mit unserer Partizipation vervollkommnet?
Es hat mit der Entstehung der Sprache, mit dem Wort zu tun, mit unseren
Füssen vielleicht, unser Ur- Transport-Medium. Andere Medien folgen:
Strassen, Bucher, Bilder, Fernseher, und jetzt das World Wide Web. Alle
haben unsere Welt tragbarer gemacht, bis zu den Punkt, wo Transport nicht
mehr nur physikalischen Bewegung bedeutet.
Gregory Battcocks Essai "The Aesthetics of Boeing" folgt der Entwicklung
unseres Transport-Begriffs von der ersten Kommunikations-Form, Archi-
tectur, die im Prinzip 100-Prozent intransportable war vor dem Auto
(was ist mit den Zelten und Hüttender Nomaden), über die
Entdeckung der Rückseite eines Objekts, als es aus der Wand
hervortrat, tragbaren Bildern in Italiens Duecento, bis zu 'telemaking'.
Battcock sagt das alle wichtigen Kommunikations-Medien tragbar geworden
sind, teilweise eben auch Architektur mit Autos über Romischen
Strassen zu erblicken und zu erfahren.
Battcock schreibt über Tragbarkeit: "Ultimately, when the
environment becomes totally portable, we shall find that transportation
will no longer involve movement. It will serve as concept. ...There will
be a shift in aesthetics from attention to the art object to attention
to the receiver... Transportation/ movement cease[s] to be an exercise
involving transmission from one place to another but instead became an
exercise in moving from one place to the same place."
Im 1993, haben Felix Stephan Huber und ich eine Travel-as-Travel-as-Art
project gemacht, mit dem Auto von Köln durch Rumanien bis zum Schwarzen
Meer. Gleich- zeitig aber haben wir in die andere Richtung, an die Biennale
in Venedig, digitale Bilder und improvizierte Texte gesendet.
Mit Arctic Circle reisen wir heute ohne Papier, auf einer fast
endlosen Schotterstrasse über Kanadas Polar Kreis und gleichzeitig
über New York auf der globalen Infobahn.
Gregory Battcock schrieb die Einleitung zu unserer Arctic Circle
Konzept schon 1977: "The future idea of travel and what it is all
about is, mainly, the functionless, uneconomic, sensual/cerebral idea of
art itself. Thus travel becomes important as travel in much the same way
that art was [is] important as art."
Arctic Circle ist ein Zusammenarbeit, ein Performance auf dem Netz,
1995-96. Arctic Circle ist eine Doppel-Reise. Auf einer Seite, sind
wir in einer der letzten grossten Wildnisse der Welt. Unsere Füsse
laufen über das älteste Festland auf der Erde. Gleichzeitig, aber
auf der anderen Seite des Bildschirms, werden wir ueber Email durch den
neuesten Kontinent begleitet, das World Wide Web.
Loops zwischen Links zwischen Loops, Wiederholungen, Melodramen, Banal-
itäten, Transformationen unterwegs, unsere 'Ichs' werden netzwerkt
Fictionen. The story changes. Wir haben geschrieben im unserem Tagebuch,
dass wir uns genossen(?) haben, gestresst, fast geprügelt, und dann
angefangen haben zu leben, atmen, essen nur für das Netz,für
die Show. Wir sind als Touristen zu sehen, Road Movie makers, Konzept-
Künstlern, ein Paar, Cultur-Anthropologs, Nihilisten, Existentialisten,
oder Mitglieder der post-Beat-Generation. Wir sind Fiktion geworden,
Geschichte einer unseren vielen möglichen ichs.
Ich danke Ihnen. Heute haben Sie sicherlich nur eine Hälfte meiner
Wörter verstanden. Aber das ist die Mitte, das Medium.
Links
Background Info II, "Gold Rush", February-May, 1995
Background Info II, "Virtual Realists", February-May, 1995
Background Info III, "Cultural Alchemy", February, 1996.
"Die Arktis und das Internet", Siemens Media Lab Talk, July 1995
"email reading", Ars Digitalis, HdK Berlin, April 1996
THE THING
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copyright 1995-96 felix s. huber, philip pocock